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SEITENWECHSEL: "Medizin zwischen Machbarkeit und Vertretbarkeit. Was Medizinethik bei schwierigen Fragen leistet"

Die Medizin kann heute mehr als je zuvor. Genetische Tests erlauben personalisierte Krebstherapien, genomische Analysen eröffnen neue Möglichkeiten der Früherkennung, und auf Intensivstationen stehen Technologien zur Verfügung, die das Leben weit über bisherige Grenzen hinaus verlängern können. Doch was medizinisch möglich ist, ist nicht automatisch sinnvoll, gerecht oder im Sinne der Betroffenen. Zwischen dem Machbaren und dem Vertretbaren klafft oft eine Lücke – und genau hier setzt Medizinethik an.


Prof. Dr. Eva Winkler, ist Ärztin und Ethikerin - sie leitet das Institut für Medizin- und Datenethik an der Medizinischen Fakultät Heidelberg, zeigt in ihrem Vortrag, wie ethisches Denken in der modernen Medizin konkret angewendet wird: nicht als Bremse oder Verbotsliste, sondern als Werkzeug, das hilft, implizite Wertkonflikte sichtbar zu machen, Entscheidungsprozesse zu strukturieren und die Interessen von Patientinnen und Patienten zu schützen – auch dort, wo andere Interessen  im Raum stehen.


Personalisierte Krebstherapien versprechen gezieltere Behandlung – aber sie sind teuer, wirken nur bei einem Teil der Patienten. Wie entscheiden wir hier, was wir hier anbieten können? Das Beispiel führt in die Welt der personalisierten Onkologie: Wer profitiert wirklich von teuren Krebstherapien – und wer entscheidet, wer Zugang bekommt? Studien zeigen, dass Rationierung im deutschen Gesundheitssystem längst stattfindet, aber ungesteuert und ohne ethischen Rahmen. Medizinethik schärft hier die Kategorien und benennt, welche Entscheidungen auf welcher Ebene getroffen werden müssen.


Genomische Tests können Neugeborene auf hunderte Erkrankungen untersuchen – aber hat ein Kind das Recht, später selbst zu entscheiden, was es über sein Erbgut wissen möchte? Das zweite Beispiel ist das genomische Neugeborenenscreening: Technisch ist es heute möglich, Neugeborene auf hunderte genetischer Erkrankungen zu testen. Eltern wünschen sich diese Information – nicht zuletzt für die eigene Lebensplanung. Aber hat das Kind ein Recht darauf, später selbst zu entscheiden, was es über sein Erbgut wissen möchte? Winkler stellt vor, wie ein interdisziplinäres Forschungsprojekt an der Universität Heidelberg ethische Kriterien entwickelt hat, die Kindeswohl und Elterninteressen in ein begründetes Verhältnis setzen.


Und wenn schwerkranke Patienten maximale Therapie wünschen, obwohl die Prognose schlecht ist – zählt allein ihr Wunsch, und wie wägt man Autonomie gegen Fürsorge ab? Das dritte Beispiel ist das persönlichste: Entscheidungen am Lebensende. Studien zeigen, dass die Wünsche schwerkranker Patientinnen und Patienten und die tatsächliche Behandlung oft weit auseinanderliegen. Winkler zeigt, warum das so ist – und was klinische Leitlinien und strukturierte Ethikberatung daran ändern können.


Diese Fragen lassen sich nicht allein mit medizinischem Wissen beantworten. Sie brauchen einen Rahmen – und genau das leistet Medizinethik. Der Vortrag richtet sich an alle, die neugierig sind, wie in der Medizin Entscheidungen fallen , was Ethik dabei leisten kann und wie dieses Wissen für eigene schwierige Entscheidungen hilfreich sein kann. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.



Eva Winkler  ist eine deutsche Ärztin und Medizinethikerin. 2024 wurde sie in den Deutschen Ethikrat berufen, dem sie als stellvertretende Vorsitzende angehört. Sie ist außerdem Vorsitzende der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer.

Akademischer und beruflicher Werdegang: Sie  studierte  Humanmedizin an der Universität Heidelberg sowie an der Freien Universität Berlin. Von 2002 bis 2004 war sie Forschungsfellow in Medizinethik an der Division of Medical Ethics der Harvard Medical School sowie am Edmond and Lily Safra Ethics Center der John F. Kennedy School of Government, gefolgt von einer Fellowship am Massachusetts General Hospital in Boston im Jahr 2004. Von 2006 bis 2010 absolvierte sie an der Universität Basel den Doktoratsstudiengang Medizin- und Gesundheitsethik, wodurch sie einen zweiten Doktortitel (Dr. phil.) erwarb. 2011 habilitierte sie sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit der Venia Legendi für Innere Medizin und Medizinethik und erhielt im selben Jahr die Anerkennung als Fachärztin für Innere Medizin. 2016 erwarb sie zusätzlich die Facharztbezeichnung für Hämatologie und Onkologie mit der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin.


Im Jahr 2025 wurde sie Gründungsdirektorin des Camilla-und-Georg-Jellinek-Zentrums für Ethik, Direktorin des Instituts für Medizin- und Datenethik an der Medizinischen Fakultät sowie Prodekanin für Digitalisierung der Medizinischen Fakultät.

SEITENWECHSEL: "Medizin zwischen Machbarkeit und Vertretbarkeit. Was Medizinethik bei schwierigen Fragen leistet"

Die Medizin kann heute mehr als je zuvor. Genetische Tests erlauben personalisierte Krebstherapien, genomische Analysen eröffnen neue Möglichkeiten der Früherkennung, und auf Intensivstationen stehen Technologien zur Verfügung, die das Leben weit über bisherige Grenzen hinaus verlängern können. Doch was medizinisch möglich ist, ist nicht automatisch sinnvoll, gerecht oder im Sinne der Betroffenen. Zwischen dem Machbaren und dem Vertretbaren klafft oft eine Lücke – und genau hier setzt Medizinethik an.


Prof. Dr. Eva Winkler, ist Ärztin und Ethikerin - sie leitet das Institut für Medizin- und Datenethik an der Medizinischen Fakultät Heidelberg, zeigt in ihrem Vortrag, wie ethisches Denken in der modernen Medizin konkret angewendet wird: nicht als Bremse oder Verbotsliste, sondern als Werkzeug, das hilft, implizite Wertkonflikte sichtbar zu machen, Entscheidungsprozesse zu strukturieren und die Interessen von Patientinnen und Patienten zu schützen – auch dort, wo andere Interessen  im Raum stehen.


Personalisierte Krebstherapien versprechen gezieltere Behandlung – aber sie sind teuer, wirken nur bei einem Teil der Patienten. Wie entscheiden wir hier, was wir hier anbieten können? Das Beispiel führt in die Welt der personalisierten Onkologie: Wer profitiert wirklich von teuren Krebstherapien – und wer entscheidet, wer Zugang bekommt? Studien zeigen, dass Rationierung im deutschen Gesundheitssystem längst stattfindet, aber ungesteuert und ohne ethischen Rahmen. Medizinethik schärft hier die Kategorien und benennt, welche Entscheidungen auf welcher Ebene getroffen werden müssen.


Genomische Tests können Neugeborene auf hunderte Erkrankungen untersuchen – aber hat ein Kind das Recht, später selbst zu entscheiden, was es über sein Erbgut wissen möchte? Das zweite Beispiel ist das genomische Neugeborenenscreening: Technisch ist es heute möglich, Neugeborene auf hunderte genetischer Erkrankungen zu testen. Eltern wünschen sich diese Information – nicht zuletzt für die eigene Lebensplanung. Aber hat das Kind ein Recht darauf, später selbst zu entscheiden, was es über sein Erbgut wissen möchte? Winkler stellt vor, wie ein interdisziplinäres Forschungsprojekt an der Universität Heidelberg ethische Kriterien entwickelt hat, die Kindeswohl und Elterninteressen in ein begründetes Verhältnis setzen.


Und wenn schwerkranke Patienten maximale Therapie wünschen, obwohl die Prognose schlecht ist – zählt allein ihr Wunsch, und wie wägt man Autonomie gegen Fürsorge ab? Das dritte Beispiel ist das persönlichste: Entscheidungen am Lebensende. Studien zeigen, dass die Wünsche schwerkranker Patientinnen und Patienten und die tatsächliche Behandlung oft weit auseinanderliegen. Winkler zeigt, warum das so ist – und was klinische Leitlinien und strukturierte Ethikberatung daran ändern können.


Diese Fragen lassen sich nicht allein mit medizinischem Wissen beantworten. Sie brauchen einen Rahmen – und genau das leistet Medizinethik. Der Vortrag richtet sich an alle, die neugierig sind, wie in der Medizin Entscheidungen fallen , was Ethik dabei leisten kann und wie dieses Wissen für eigene schwierige Entscheidungen hilfreich sein kann. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.



Eva Winkler  ist eine deutsche Ärztin und Medizinethikerin. 2024 wurde sie in den Deutschen Ethikrat berufen, dem sie als stellvertretende Vorsitzende angehört. Sie ist außerdem Vorsitzende der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer.

Akademischer und beruflicher Werdegang: Sie  studierte  Humanmedizin an der Universität Heidelberg sowie an der Freien Universität Berlin. Von 2002 bis 2004 war sie Forschungsfellow in Medizinethik an der Division of Medical Ethics der Harvard Medical School sowie am Edmond and Lily Safra Ethics Center der John F. Kennedy School of Government, gefolgt von einer Fellowship am Massachusetts General Hospital in Boston im Jahr 2004. Von 2006 bis 2010 absolvierte sie an der Universität Basel den Doktoratsstudiengang Medizin- und Gesundheitsethik, wodurch sie einen zweiten Doktortitel (Dr. phil.) erwarb. 2011 habilitierte sie sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit der Venia Legendi für Innere Medizin und Medizinethik und erhielt im selben Jahr die Anerkennung als Fachärztin für Innere Medizin. 2016 erwarb sie zusätzlich die Facharztbezeichnung für Hämatologie und Onkologie mit der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin.


Im Jahr 2025 wurde sie Gründungsdirektorin des Camilla-und-Georg-Jellinek-Zentrums für Ethik, Direktorin des Instituts für Medizin- und Datenethik an der Medizinischen Fakultät sowie Prodekanin für Digitalisierung der Medizinischen Fakultät.

14.06.26 01:30:27